GLETSCHIS ADVENTS- UND WEIHNACHTSGESCHICHTE

Salü zäme! Ich bin’s, Gletschi.

Viele von euch Kindern und Erwachsenen kennen mich ja schon. Ihr wisst, dass ich ein Gletscherfloh bin, gerade mal zwei Millimeter klein, und dass ich mit meinen 29 Geschwistern und Mama und Papa Gletscherfloh im Grossen Aletschgletscher lebe.

Mein Lieblingsgetränk ist Gletscherwasser und am liebsten esse ich Arvenpollen, die schmecken so herrlich nussig! In meinem Zuhause ist es immer schön kalt. So richtig cool bin ich trotzdem nicht, ich bin eher schüüch und auch nicht der Stärkste. Nach allem, was ich schon erlebt habe, werde ich aber immer übermütiger und abenteuerlustiger. Immer öfter erkunde ich die gesamte Aletsch Arena und hüpfe bis in die Dörfer hinunter. Ihr werdet staunen, wo ich diesen Winter schon war, was mir passiert ist und wem ich begegnet bin!

Kapitel 1 - Gletschi spielt im Schnee und entdeckt den Advent

Bei mir zuhause, tief innen im Grossen Aletschgletscher, ist es bekanntlich auch im Sommer schön kühl. Und ich mag eigentlich alle Jahreszeiten. Aber wenn es so richtig zu schneien beginnt, die Flocken nur so tanzen und überall dieser pulvrig-frische Schnee liegt, dann ist es mir einfach fli-fla-flohwohl. Vor lauter Freude hüpfe ich dann im Schnee herum, ich kann gar nicht anders. Besonders lustig ist das, wenn’s schneit. Ich versuche, zwischen den Flocken hindurchzuhüpfen, was ganz schön knifflig ist. Denn es sieht zwar so aus, als würden sie gaaanz laaangsam herunterschweben, aber plötzlich ändern sie dabei die Richtung und pflätsch kommt es zu einem Zusammenstoss.

Neulich bin ich wieder den ganzen Tag so herumgehüpft. Es hat geschneit und geschneit. Am Abend war ich erschöpft und wollte nach Hause gehen, da hörte es plötzlich auf. Die Wolken verschwanden und wie hinter einem Vorhang, der sich öffnet, kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein. War das schön! Ich habe mich auf die frische, weiche Schneedecke gelegt und einfach in den Himmel geschaut. Als ich mich umdrehte und ins Tal hinuntersah, staunte ich gleich nochmals. Von meinem Aussichtspunkt Hohfluh sah ich nämlich zu den Dörfern hinunter und dort funkelten ganz viele Lichtlein.

Ich spazierte zur Moosfluh, wo meine Tante Maren wohnt, und zusammen schauten wir nochmals das Glitzern am Himmel und das Glitzern im Tal unten an. Sie erklärte mir, dass das die Adventsfenster seien, die da so schön zu uns hinaufleuchteten. «Adventsfenster?», fragte ich. «Was ist das, Advent?» Tante Maren sagte, das sei eine ganz besondere Zeit. «Da warten die Menschen auf das Christkind, das einst in dieser Jahreszeit geboren wurde und das seitdem immer wieder zu ihnen kommt. Damit es seinen Weg auch findet, dekorieren die Menschen ihre Häuser mit vielen Lichtern und Sternen – zur Erinnerung an den Stern von Bethlehem, der bei der Geburt des Christkinds am Himmel zu sehen war.»

Es wurde mir ganz warm ums Herz, als ich ihr so zuhörte. Ich stieg dann aufs Bettmerhorn und weiter aufs Eggishorn, um den Sternen am Himmel noch näher zu sein. Und ich nahm mir vor, mich bald einmal ins Tal zu wagen, um die mit Sternen und Lichtern geschmückten Häuser besser zu sehen und mehr über Advent und Weihnachten zu erfahren.

Kapitel 2 - Gletschi geht schlitteln und erlebt Heiligabend in den Dörfern

Heute habe ich wieder wahnsinnig viel erlebt und gelernt. Uiii, ich bin noch immer ganz aufgeregt! Unter anderem bin ich das erste Mal geschlittelt, und ich war sogar auf einer Schneeschuhtour mit dabei. Am Abend war ich dann im Tal unten, und … Aber ich muss zuvorderst beginnen.

Vor lauter Freude auf den Tag hüpfte ich schon früh aus meinem Gletscherbett. Mama und Papa ermahnten mich, anständig zu frühstücken, und so trank ich schnell viiiel Gletscherwasser und knabberte viiiele, viiiele Arvenpollen. Eine Picknickportion von beidem packte ich auch noch ein. Dann hüpfte ich quer durch den frisch zugeschneiten Wald. Wie das stäubte und glitzerte! Viele Tiere waren unterwegs. Ich sah Hirsche und Schneehasen und Füchse – und, ja, auch Menschen sah ich. Sie kamen ganz leise und sachte auf Schneeschuhen daher gewandert. Das erinnerte mich an die Wanderer im Sommer und an meine Abenteuer mit Emma und Luca. Wie damals nahm ich all meinen Mut zusammen, holte etwas Anlauf – und dann hüpfte ich. Mein Herz klopfte ziemlich schnell, als ich auf dem Schneeschuh landete, aber ich klammerte mich fest, und bald beruhigte ich mich. Mit dem Schuh ging es hoch und nieder, hoch und nieder. Jetzt sah ich, dass da eine ganze Familie mit dem Guide Ed auf einer geführten Winterwandertour unterwegs war. Ich sass auf dem Schuh des jüngsten Kindes, ein Meigji, etwa so alt wie Emma. Die Familie spazierte ohne Lärm durch den verschneiten Aletschwald. Es war so friedlich, ich kam richtig ins Träumen.

Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, waren wir auf dem Aletschplateau angelangt. Ich sass noch immer auf dem Schuh des Mädchens und kletterte nun etwas höher hinauf, bis auf den oberen Rand der Schuhlasche. Von hier aus bot sich mir eine gute Aussicht auf den vor uns liegenden Winterwanderweg. Und weiter ging die Wanderung von der Riederalp über die Bettmeralp bis zur Fiescheralp.

Als ich in der Nähe der Bergstation Fiescheralp all die Schlitten sah, auf denen die Menschen talwärts sausten, sprang ich vor Aufregung vom Schuh hinunter. Das wollte ich auch erleben! Aber wie? Sollte ich versuchen, auf einen der Schlitten zu hüpfen? Ich hatte dann aber eine bessere Idee. Ich würde mir einen eigenen Schlitten besorgen! Ich wusste auch schon wo: unter einer Arve. Da lagen immer Schuppen von Arvenzapfen herum. Die Tannenhäher, das sind Vögel mit einem langen Schnabel und vielen weissen Tupfen auf den braunen Federn, picken die gerne heraus, um an die feinen Samen im Innern der Zapfen zu gelangen. So eine Schuppe fand ich schnell. Nun setzte ich mich drauf und folgte den Schlitten. Unglaublich, dieses Tempo! Und diese Aussicht auf die Berge! Sogar das Matterhorn hatte ich kurz vor Augen. Zuerst ging es seeehr rasant bergab. Aber dann führte der Weg gemütlich durch verschneite Wälder, und auf einmal waren wir schon in Lax.

Ich war ziemlich groggy nach dieser Schlittenfahrt. Da fiel mir mein Picknick ein. Ich schnabulierte ein paar Arvenpollen und blickte um mich. Der Himmel war dunkel geworden, aber in den Häusern brannte Licht. Mit grossen Augen ging ich durchs Dorf und an all den Chalets mit ihren Adventsfenstern vorbei. Nun sah ich, dass jedes einzigartig geschmückt war – eines kam mir schöner vor als das andere. Ich machte einen Riesengump auf eine Fensterbank und schaute hinein. Wieder konnte ich nur staunen. Mitten in der Stube stand doch wahrhaftig ein Tannenbaum! Beim Blick durch das nächste Fenster in die nächste Stube dasselbe. Es waren junge Tannenbäume, nicht so hohe wie die im Aletschwald. Und doch stand da ein Stück Wald in den Wohnungen der Menschen. Sie hatten die Bäume auch wunderschön geschmückt.

Glänzende Kugeln hingen an den Ästen, Kerzenlichter spiegelten sich darin. Das waren bestimmt die Weihnachtsbäume, von denen Tante Maren mir erzählt hatte.

Verträumt ging ich weiter durchs Tal, von Dorf zu Dorf und von Stube zu Stube. Bei einem schönen Haus in Mörel stand ein Fenster offen. Ich hüpfte hoch und sah hinein. Da sassen Kinder vor dem prächtigen Weihnachtsbaum und eines von ihnen fragte: «Wann kommt denn nun das Christkind und bringt die Geschenke?» An seinen glänzenden Augen sah ich, wie sehr es sich freute. «Es kommt ganz bald», versprach die Mutter. Und der Vater sagte: «Ja, heute Nacht kommt es!»

Heute Nacht! Wie gerne hätte auch ich das Christkind gesehen. Ich fragte mich, ob es wohl schon unterwegs war. Hoffentlich verirrt es sich nicht im fiischteren Wald, dachte ich, oder bleibt irgendwo im Schnee stecken.

Kapitel 3 - Gletschi hat eine wundersame Begegnung und schmückt einen Baum

Es war Nacht, als ich mich auf den Heimweg machte. Nicht irgendeine Nacht – Weih-Nachten! Eine heilige Nacht für die Menschen, wie Tante Maren mir erklärt hatte. Im Tal unten hatte ich gehört, dass in dieser Nacht das Christkind unterwegs sei und den Kindern Geschenke bringe. Der Gedanke an dieses Christkind sorgte bei mir für Herzklopfen. Wie es wohl aussah? Und wie kam es zu den Menschen? In Schneeschuhen? Oder auf einem Schlitten? Brachte es die Geschenke auf Skiern in die Dörfer? Auf dem Aletschplateau auf der Riederalp, der Bettmeralp und der Fiescheralp vielleicht schon. Dort gibt es keine Autos und es konnte direkt bis vor die Chalets fahren. Aber wie kam es in Dörfer wie Mörel, Betten oder Fiesch?

Tief in Gedanken versunken hüpfte ich durch den Aletschwald. Ich freute mich jetzt sehr darauf, meine Familie wiederzusehen. Ich würde Mama und Papa Gletscherfloh und meinen 29 Geschwistern von Weihnachten erzählen, und dann würden wir auch zusammen feiern und viele Arvenpollen essen. Wir würden sogar einen eigenen Weihnachtsbaum schmücken können, denn ich brachte aus den Dörfern eine ganz besondere Überraschung mit.

Mitten in meine Träumereien hinein erklang plötzlich ein seltsames Klirren. Ich hielt inne und lauschte. Es war stockfiischter um mich herum und ich hörte die vertrauten Geräusche des Waldes und seiner Bewohner. Irgendwo knackte ein Ast und Schnee fiel zu Boden. Dieses Klirren und Klingeln aber, hell und leicht wie von einem Glöcklein, konnte ich keinem Tier oder Baum zuordnen. Zuerst war es leise.

Aber nun kam es hörbar näher – und mit diesem Näherkommen, liebe Kinder und Erwachsene, passierte etwas ganz Seltsames: Mit diesem Näherkommen wurde es im Wald plötzlich heller. Zuerst war da nur ein leuchtender Punkt, wie von einem Glühwürmli. Doch er wurde grösser und grösser. Es war, als würde ein Stern durch den dunklen Wald schweben, aber es war kein Stern. Von diesem strahlenden, schwebenden Etwas ging das zarte Klirren und Klingeln aus.

Ein wohliges Gefühl erfasste mich und es wurde ganz friedlich in mir. Meine ewige Aufregung, meine Neugier und meine Abenteuerlust: Alles wurde still. Da waren nur noch dieses Licht und dieses Klingeln. Etwas wehmütig sah ich, wie sich das Leuchten entfernte, wie es kleiner und leiser wurde und den Chalets entgegenschwebte, in denen Kinder sehnsüchtig aufs Christkind warteten.

Spät nachts kam ich zuhause am Grossen Aletschgletscher an. Meine ganze Familie war wach. Sie hatten alle auf mich gewartet und wir vergossen ein paar Freudentränen, als wir uns in die Arme hüpften. Dann überreichte ich ihnen die Überraschung, die ich von meinem Ausflug ins Tal mitgebracht hatte. Vor einem der Häuser hatte ich nämlich einen kleinen Karton mit der Aufschrift «Baumschmuck gratis – zum Mitnehmen» entdeckt. Es war nicht ganz leicht gewesen, den Karton bis zum Grossen Aletschgletscher zu transportieren, doch auf wundersame Weise hatte ich es geschafft. Nun packten wir ihn gemeinsam aus. Bunt glänzende Kugeln kamen zum Vorschein und eine laaange Lichterkette. Wir alle halfen einander, einen kleinen Tannenbaum am Rand des Gletschers zu schmücken – und schon hatten wir unseren eigenen wunderschönen Weihnachtsbaum. Flohmüde, aber überglücklich schlief ich ein.

Am nächsten Morgen, als die Sonne schien und der Schnee wie Trillionen von Diamanten glitzerte, erzählte ich von meinen Erlebnissen in der Aletsch Arena. So viel habe ich noch nie auf einmal berichtet! Alle hörten mir zu und Mama und Papa waren stolz auf meinen Mut. Ich war ja selbst ein wenig stolz, wenn ich an die schöne Schneeschuhtour und die rasante Schlittenfahrt zurückdachte. Und dann erst noch diese bezaubernde Begegnung im Wald …

Nur Skifahren hatte ich immer noch nicht gelernt. Aber das wird bestimmt mein nächstes Abenteuer werden!

Kapitel 4 - Gletschi trifft auf Snowli und BOBO und lernt Skifahren

Weihnachten war schon ein paar Tage her, doch der Tannenbaum, den ich mit meiner Familie am Rand des Aletschgletschers geschmückt hatte, stand immer noch da. Wir staunten, als die Lichterkette am ersten Abend plötzlich zu leuchten begann! Offenbar hatte sie sich tagsüber mit Sonnenenergie aufgeladen. «Wir können jetzt jedes Jahr an Weihnachten unseren eigenen Tannenbaum schmücken», sagte ich. «So gehen diese langen, dunklen Nächte viel schneller vorbei.» Mama und Papa Gletscherfloh und alle meine 29 Geschwister nickten mit glänzenden Augen.

Eines Morgens hüpfte ich wieder einmal in Richtung Aletschplateau und überlegte, wie ich es wohl anstellen musste, um Skifahren zu lernen. Es machte mir ein bisschen Angst, denn es sah nicht ganz einfach aus. Gleichzeitig schien es den kleinen und grossen Menschen viel Spass zu machen. Diesen Spass wollte ich auch erleben!

Als ich auf der Bettmeralp angekommen war, setzte ich mich an den Rand einer Piste und schaute den Menschen zu, die auf Skiern und Snowboards über den Schnee sausten. Manche nahmen es auch gemütlicher oder standen offenbar noch nicht ganz sicher auf den Brettern. Plötzlich entdeckte ich mitten unter den Menschen ein seltsames Wesen. Es hatte einen grossen runden Kopf und erinnerte mich mit seinen langen weissen Ohren an die Schneehasen im Aletschwald.

Anders als diese hatte das Wesen aber blaue Beine und gelbe Pfoten. Ich erhob mich, um es besser sehen zu können. In diesem Moment erblickte es auch mich und kam nun geradewegs auf mich zu.

«Hallo, ich bin Snowli!», sagte das Wesen, als es vor mir stand. «Und wer bist du?» Vor Aufregung begann ich zu stottern: «I-i-i-ich …» Doch dieser Snowli sah mich so lieb an, dass ich mich schnell beruhigte und sagte: «Ich bin Gletschi, ein Gletscherfloh, und komme aus dem Grossen Aletschgletscher. Ich habe schon viele Abenteuer erlebt und nun möchte ich Skifahren lernen.» Snowli lächelte. «Da bist du genau an den Richtigen geraten. Ich zeige den Kindern in den Schweizer Skischulen, wie man gleitet, bremst, schwingt, springt und lustige Tricks macht. Komm, ich stelle dich meinem Freund BOBO vor. Er ist mein Kollege in der Skischule Riederalp. Er kann dir auch das Skifahren beibringen!»

Aufgeregt folgte ich Snowli auf die Riederalp. Unterwegs erzählte mir Snowli, dass BOBO ein Pinguin vom Südpol sei. Ich wusste nicht genau, was ein Pinguin ist und wo der Südpol liegt (ganz im Süden vielleicht?), aber da waren wir schon bei der Skischule Riederalp und Snowli winkte einem lustigen Wesen mit einem grossen gelben Schnabel und einem schwarz-weissen Federkleid zu. «Das ist BOBO», sagte Snowli. «Viel Spass!» Ich konnte gerade noch «Danke» rufen, dann machte sich Snowli schon auf und davon zur Skischule Bettmeralp.

BOBO nahm mich ohne viele Fragen an der Hand. Er setzte mir einen Helm auf den Kopf, überreichte mir Skischuhe und zeigte mir, wie man diese an den Skibindungen befestigt. Huiii, ich stehe zum ersten Mal auf Skiern! Ich war totaaal aufgeregt. «Komm», sagte BOBO und zog mich an der Hand langsam etwas weiter, «hier kannst du dich ein bisschen eingewöhnen!» Die Piste zum Üben war zum Glück ziemlich flach und so glitt ich zuerst nur langsam über den Schnee. Es war gar nicht so einfach, das Gleichgewicht zu halten! Aber meistens schaffte ich es. Und sonst hüpfte ich einfach schnell wieder auf die Beine.

Dank BOBO fasste ich schnell Vertrauen in diese neue Art der Fortbewegung. Nach ein paar Tagen stand ich schon recht sicher auf den beiden Brettern und erlebte mit BOBO, den Knirpsen und den Kids der Skischule viel Spass. Das war bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich Ski fahren war, morgen gehe ich auf die Fiescheralp zur Skischule Fiesch und es ist gut möglich, dass ich euch schon bald von weiteren Abenteuern auf Skiern berichten kann.

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